Mahlers Weite.

 

In Mahlers Musik kann man sich bewegen wie in einer riesigen Landschaft. Das ist nicht unbedingt der Fall für andere Komponisten. In vielen Kompositionen von Bach, wie zum Beispiel in den grossartigen Preludien und Fugen des Wohltemperierten Klaviers, gelingt es mir nicht, in sie wie in Landschaften einzudringen und mich in ihnen umzusehen. Diese Erfahrung besagt überhaupt nichts über Wert und Unwert dieser Stücke und Komponisten. Mahlers 6. Sinfonie zum Beispiel ist eine unglaublich weite und offene Landschaft, während Bachs Wohltemperiertes Klavier mich viel mehr in eine Art philosophisch-analytische Stimmung versetzt, wobei die Begeisterung für diese Musik eher den Geometrien, Schichten und Verschränkungen harmonischer Bewegungen und Entwicklungen zu verdanken ist als den emotionalen Bildern, wie sie Mahler herstellt. (Wobei Bilder hier nichts mit klaren Vorstellungen oder Abbildungen von gegenständlicher Realität zu tun hat.)
Mahler´s Sechste lädt dazu ein, sich frei zu bewegen und sich umzusehen. Es gibt dabei eine Freiheit der Beobachtung, Wahrnehmung und Anregung, wie ich sie sonst selten gehört habe. Was mich bei dieser Symphonie am meisten überrachst, das ist die Freude, die sich in mir ausbreitet, wenn ich diese musikalischen Räume betrete, und vor allem dann auch diese sicher immer wiederholende Erfahrung des Entdeckens, der Überraschung und des
Woraus ergibt sich diese Freude? Das lässt sich nicht mit einem Satz oder einem Gedanken beantworten. Es ist eher die Grundstimmung, von der aus ich dieser 6. Symphonie begegnen kann, die mich immer wieder zum aufmerksamsten Zuhören bringt, ohne dass ich dabei die geringste Müdigkeit verspüren müsste. (Mahlers Symphonien können ja sehr lang sein und die Augenblicke sind häufig, an denen man merkt, dass man abschweift, ermüdet, gelangweilt oder einfach indispositioniert ist.
Mahler´s 6. Verliert mich nie als Zuhören; im Gegenteil.
Das könnte man nun einfach so als meine ganz persönliche und sehr subjektive Hörensweise deklarieren und damit hätte es sich auch. Dennoch, wie sonst auch, fängt es anderes mich an zu interessieren. Warum verliere ich die Konzentration, oder warum fühle ich mich gelangweilt. Ich weiss mittlerweile nur zu gut von meiner Arbeit als Psychoanalytiker, dass meine Reaktionen eigentlich immer auch als Reaktionen auf die Kommunikation des Anderen bezogen sind und dass es sehr wichtig ist, diesen Reaktionen zumindest einige Glaubwürdigkeit zuzugestehen; oft erweisen sich diese Reaktionen als die wichtigsten und führen einen auf die richtige Spur. Dieseselbe Glaubwürdigkeit gewähre ich mittlerweile meiner musikalischen Art und Weise des Zuhörens; meine Reaktionen sind durchaus auch angemessene Reaktionen auf das Gehörte und verdienen weitere Aufmerksamkeit und weitere Bearbeitung.
Was unterscheidet Mahler´s 5. Symphonie denn so sehr von seiner 6. Symphonie. In der 5. Symphonie brauche ich viel grössere “Konzentration”, um wirklich nicht aus dem guten Zuhören herauszufallen. Im folgenden möchte ich diesen Gedanken ein bisschen nachgehen.
Ein Sterblicher schreibt unsterbliche Musik. In dieser Musik, solange sie gespielt wird, entfaltet sich Leben unbeeindruckt von der Tatsache der Sterblichkeit des Einzelnen.
Diese Mahler-Musiken sind ja gesättigt vom Wissen des Komponisten, dass seine Tage gezählt sind. Umso beeindruckender deswegen die Energien, die sich in ihnen entfalten und darstellen und dem Tod seine Grenzen zeigen.
Ich habe den Eindruck, dass dieses Hintergrundwissen der Mahlerschen Musik noch eine zusätzliche Dimension verleiht, und ihr somit noch mehr diese bewundernswerte Qualität des Widerstandes gegen die drohende Vernichtung des Individuums im Tod gibt.

 

 

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